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Frageformen – Lernen Sie, die richtigen Fragen zu stellen

Unabhängig davon, ob für Printmedien, Hörfunk oder Fernsehen, vor Beginn eines Interviews empfiehlt es sich, die möglichen Frageformen zu studieren. Ganz grundlegend wird im Journalismus zwischen offenen und geschlossenen Fragen unterschieden. Diese werden zu unterschiedlichen Zwecken genutzt und dementsprechend fallen auch die Antworten des Interviewpartners unterschiedlich aus. Alles zu Interviews lesen Sie hier.

Offene oder geschlossene Fragenformen – was wollen Sie erfahren?

Machen Sie sich am besten vor Beginn Ihres Interviews klar, was Sie erreichen möchten. Wenn ein ausführliches Gespräch gewünscht ist, bei dem eine Art Porträt des Befragten entsteht oder ein Experte sein Fachwissen darlegen soll, sollten offene Fragen verwendet werden. Fragfen wie beispielsweise “was bedeutet für Sie Freiheit?” geben viel Raum für eingehende Antworten und schränken den Interviewten wenig ein. Dagegen eignen sich geschlossene Fragen besonders, wenn Sie etwa einen bestimmten Fakt bestätigt haben möchten und verhindern möchten, dass Ihr Gegenüber ausweichend antworten kann. Mit einer Frage im Stil “Ist es richtig, dass?” zeigen Sie die

Frageformen

Welche Fragen eignen sich für mein Interview?

Antwortmöglichkeiten “Ja” und “Nein”. Auch, wenn Sie ausschweifende Antworten befürchten, können geschlossene Fragen helfen, die gewünschten Informationen in kurzer Zeit zu erhalten. Wenn Sie sich Klarheit darüber verschafft haben, welche Frageform für Ihr individuelles Interview und Ihre Erwartungen am besten geeignet ist, können Sie sich mit den verschiedenen Variationen der Frageformen vertraut machen.

Schöpfen Sie aus dem weiten Spektrum an offenen Fragen

Bei einem Interview haben Sie innerhalb der bevorzugten Frageformen einige Variationen zur Auswahl. Gebrauchen Sie sogenannte Zielfragen, um Planungen oder Intentionen zu erfahren. Je nach Hintergrund Ihres Gegenüber kann das eine konkrete Frage nach Terminen oder nach abstrakter formulierten Zielen einer Aktion oder Initiative sein.
Mit einer Definitionsfrage bringen Sie Ihren Interviewpartner dazu, sein persönliches Verständnis eines Begriffs darzulegen, wie beispielsweise “was verstehen Sie unter einem guten Leben?”. Wenn Sie die Motivation Ihres Befragten interessieren, bieten sich Begründungsfragen mit einem “warum” an. So können Sie Gründe für eine konkrete Entscheidung oder die Ursachen für einen bestimmte Entwicklung abfragen. Interessieren Sie auch verfügbare Mittel oder Ressourcen, nutzen Sie Mittelfragen.
Damit Interessierte einen persönlichen Eindruck vom Befragten bekommen, können Sie sich sogenannter Wertfragen bedienen. Diese sollen die persönlichen Wertevorstellungen herausstellen. Ein Beispiel für eine Wertefrage kann so aussehen: Warum ist es Ihnen wichtig, dass Sie ehrlichen Kontakt zu Ihren Angestellten pflegen?

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Geschlossene Fragen: Es muss nicht immer nur ‘ja’ oder ‘nein’ sein

Bei geschlossenen Fragen kommen zunächst klassische Ja-Nein-Fragen in den Sinn. Darüber hinaus sind aber auch andere Varianten, wie etwa Suggestivfragen, möglich. Hierbei handelt es sich um Formulierungen, die eine Annahme voraussetzen, die bestätigt oder abgelehnt werden kann; zum Beispiel “Ihnen ist es doch bestimmt auch wichtig, dass viele Menschen von Ihren Taten profitieren?”. Wollen Sie das Interview mehr zuspitzen, können Sie auch auf provokative Fragen zurückgreifen. Locken Sie Ihren Interviewpartner aus der Reserve mit Fragen wie dieser: “Hätten Sie sich gerne selber als Chef?” oder “Sie betonen ja, dass sich jeder verantwortlich fühlen soll – wo

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Ja, nein, vielleicht?

übernehmen Sie denn Verantwortung für die Gemeinschaft?” Abschließend sind noch Alternativfragen, die dem Gespräch eine andere Richtung geben und Erlaubnisfragen – nach dem Einverständnis Ihres Interviewpartners – zu nennen.

Profitieren Sie von den vier Frageformen nach Johannes Prokopetz

Der renommierte Journalist Prokopetz hat sich einmal genauer mit den Abläufen in Interviews beschäftigt und dabei herausgefunden, dass es keineswegs nur auf den Inhalt der Fragen ankommt, sondern auch um die non-verbale Ebene – sprich: Gestik, Mimik und die emotionale Ebene. Demnach mache der Befragte sich Gedanken darüber, wie seine Antworten beim Interviewer ankommen und wie dieser ihn persönlich einschätzt . Das führt in seiner Folge zu einem unterschiedlich ausgeprägten Stresslevel beim Gesprächspartner, dessen Intensität Prokopetz in vier Frageformen kategorisiert hat:

1.) Komfortfrageformen

Die erste der vier Frageformen eignet sich gut für den Einstieg in ein Interview und soll es dem Interviewten leicht machen, sich wohl zu fühlen. Das Stresslevel wird bewusst möglichst gering halten, um erste Nervositäten abzubauen. Dafür empfehlen Sie einfache Fragen im folgenden Stil: “Haben Sie gut hierher gefunden?” oder “Sitzen Sie bei diesem schönen Wetter auch so gerne draußen?”.

2. Animationsfrageformen

Auch bei der nächsten Stufe der vier Frageformen werden leicht zu beantwortende Fragen gestellt. Diese sollen den Gesprächspartner dazu motivieren, ausführlicher ins Erzählen zu kommen. Da auch hier der Stresslevel niedrig gehalten wird, bewirkt dieser nächste Schritt im Interview, dass der Befragte jetzt im Gegensatz zur ersten Phase bereit ist, einen möglichen Kontrollverlust über den Gesprächsverlauf hinzunehmen. Animationsfragen können zur Schilderung eines Geschehens auffordern, Einstellungen zu einem kontrovers diskutierten Thema abfragen

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Welcher Fragen sollte man sich wann bedienen?

oder innere Motivationen herausarbeiten. Auch

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Verständnis- oder Konkretisierungsfragen sowie Introspektionsfragen, die auf die Wahrnehmung eines zurück liegenden Ereignisses abzielen, sind möglich. Wollen Sie besonders interessante Antworten erhalten, können Sie auch “Fragen aus dem Gegenteil” anwenden, das heißt, Sie äußern eine vermeintlich geteilte Meinung und erfragen die Zustimmung Ihres Gesprächspartners. Da diese aber so unannehmbar formuliert ist – beispielsweise “Sie verdienen so viel Geld, da arbeiten Sie doch sicher gerne mal umsonst?” – können mitunter unerwartete Antworten dabei herauskommen.

3. Alarmfrageformen

Hat sich Ihr Interviewpartner in seiner Situation eingerichtet, können Sie Ihn nun mit Frageformen konfrontieren, die den Stresspegel etwas erhöhen. Das Gespräch darf nun durch kritisch formulierte Fragen auch etwas ungemütlicher werden. So können Sie an dieser Stelle mit Warum-Fragen arbeiten, die Ihren Gesprächspartner zur Rechtfertigung bestimmter Taten oder Tatsachen zwingen können. Auch unterstellende, hypothetische und “Fragen durch die Hintertür” zu heiklen oder privaten Themen fallen unter die Frageformen der Alarmfragen. Mit Interaktionsfragen können Sie direkt nachhaken, wenn Sie spontan den Eindruck haben, dass eine Ihrer Fragen eine bestimmte Emotion hervorgerufen hat.

4. Konfrontationsfrageformen

Kommen wir abschließend zur sensibelsten der vier Frageformen, welche bewusst erst am Ende gestellt werden sollte, um bei einem möglichen Abbruch bereits über ausreichend Antworten zu verfügen. Mit Provokations oder Konfrontationsfragen fordern Sie Stellungsnahmen zu kritischen Inhalten. Anhand von Suggestivfragen fordern Sie die Zustimmung zu provokativ formulierten Behauptungen wie etwa “Ist es etwa nicht so, dass Sie bewusst Informationen unterschlagen haben?”

Frageformen

Was möchte ich mit meiner Frage erreichen?

Wenn Sie sich bei der Planung Ihres Interviews der Auswirkungen der unterschiedlichen Frageformen bewusst sind und eine klare Dramaturgie vor Augen haben, steht einem erfolgreichen Interview nichts mehr im Wege.

Über den Autor

Isabella Loessl